Insights  ·  Entscheidungskultur  ·  September 2026

Was wir längst für ausgemacht halten

Ein flüssig formulierter Text wirkt geprüft, auch wenn er nur gut klingt. Die eigentliche Frage bei einer Entscheidung ist meistens, was längst als ausgemacht gilt, ohne genau angesehen worden zu sein.

Bei schwierigen Entscheidungen fällt zuerst fast immer derselbe Satz. Man brauche mehr Informationen. Bei einem Teil der Fälle stimmt das. Bei den meisten liegt das eigentliche Problem woanders.

Was längst vorhanden ist, läuft bereits durch eine bestimmte Brille. Eine Annahme wird ein paarmal wiederholt und gilt irgendwann als Tatsache, ohne daß sie je genau angesehen wurde.

Wenn ein Text überzeugend klingt, ist er noch nicht geprüft

Am deutlichsten zeigt sich das gerade bei Antworten aus KI-Systemen. Ein Text, der flüssig und gut begründet klingt, wirkt wie geprüft. Er liest sich nur so. Die Flüssigkeit der Formulierung sagt nichts über die Richtigkeit der zugrundeliegenden Annahme aus.

Flüssig ist nicht dasselbe wie geprüft.

Eine weitere Präsentation ändert daran wenig. Auch eine weitere Analyse ändert daran wenig, wenn die Grundannahme selbst nie befragt wurde. Mehr Material auf einer ungeprüften Basis vergrößert nur die ungeprüfte Basis.

Die eigentliche Frage bei einer Entscheidung

Bei strategischen Entscheidungen bleibt Unsicherheit oft bestehen, das läßt sich nicht wegprüfen. Was sich prüfen läßt, ist etwas anderes. Ob die Grundlage einer Entscheidung tatsächlich stimmt, ganz gleich, ob sie von einem Kollegen stammt oder von einer Maschine.

Das verlangt eine andere Gewohnheit als das Sammeln von noch mehr Input. Es verlangt die Bereitschaft, bei einer Annahme innezuhalten, die sich schon vertraut anfühlt, und sie noch einmal von vorne anzusehen.

Wer diese Gewohnheit trainiert, verändert die Qualität einer Entscheidung stärker, als es jede zusätzliche Informationsquelle könnte.

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Robert Kiesinger MBA

Unternehmensberater für Führung, Kultur und Orientierung in Wien. Ich begleite Führungskräfte und Organisationen, wenn Leistung, Verantwortung und innere Orientierung wieder zusammenfinden müssen.

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